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Süddeutsche Zeitung / Freitag 25. Juli 97

Flanell No. 5

 

Also, hauptberuflich sei sie freiberuflich Tänzerin. Das Blumenstecken mache sie nebenberuflich. Finanziell gesehen, aber doch eigentlich mehr nebenberuflich-hauptberuflich. Die Personalfrau klappt die Mappe zu und hat einen Versicherungsfall mehr auf der Liste. Karin Kösters Film "Flanell No.5", ihre Abschlußarbeit für die Münchner Filmhochschule, spielt im Tänzermilieu. Dabei zelebriert Karin Köster nicht Ballerinen Leid und -Wehe, sondern "dokumentiert" in kurzen Szenen den sich zwischen Vortanzen, Gelegenheitsjob, Verletzungen und Abwasch abhaspelnden Alltag freier Tänzerinnen. Simone (Dagmar Reinl), Ginger (Anise Smith), Bea (Catharina Tiedje), Stefanie (Johanna Richter) und Anette (Karin Köster) teilen Wohnung, Beruf und Probleme. Kann man eine Ballettstrumpfhose als Berufsbekleidung nun steuerlich absetzen oder nicht? Die eine verliebt sich; die andere setzt ihren Freund vor die Tür; die dritte bekommt bei der Audition den Zuschlag, nur um dann als Eistüte halbnackt eine Schrumpfchoreographie im Schneeregen trippeln zu dürfen.

Der Film "Flanell No.5" lebt von den in honiggelbes Licht getauchten Bildern, den clipartig kurzen Einstellungen und dem durchaus selbstironischen Blick ins "Milieu".

 

Katja Schneider

 

 

 

Münchner Merkur / Freitag, 25. Juli 1997

"Flanell No. 5":  Münchnerisches "Fame"

 

... Ein höchst gelungener, herrlich amüsanter Abend war's,  alleine mal den Film betrachtet. Die darin gezeigte, verzwickt hauptberufliche Tänzer-Existenz ist waschecht. Denn vom Vortanzen und (Neben-)Job-Suche  bis zum Vorstellungsgespräch beim eventuellen Projektförderer, von den abtaxierenden Macho-Blicken  bis zu den traurigen Hamsterbackengesichtern besorgter Eltern ob der brotlosen Tanzkunst - Karin Köster (Film -Buch und -Regie) und ihre Co-Flanells haben es, erleben es am eigenen Leib. Und spielen tun alle wie Schauspielprofis, vielleicht auch, weil die Köster - mit ungeheuer viel Sinn für Humor und Selbstironie - gut inszeniert hat. Mit Markus Dürr als Könner an der Kamera. Die Crew hat das Zeug, ein deutsches "Dirty Dancing", ein münchnerisches "Fame" zu drehen.

 

Malve Gradingercity news K! K Juli 1997

 

 

 

Karin Kösters Tanzfilm "Flanell No.5"

Ungeschminkt

 

"Ich gebe Dir die linke", lächelt Karin Köster entschuldigend. Die rechte Hand hat sie sich verletzt, während sie ihrem Brotjob nachging. Ein Brotjob, von dem andere nur träumen: Sie ist Tänzerin am Nationaltheater. Doch tanzen alleine genügte ihr nicht. Deshalb bewarb sie sich nach der Ausbildung noch um einen Regie-Studienplatz an der Münchner Filmhochschule - mit Erfolg. Klar, daß in ihrem Abschlußfilm, genauer gesagt -projekt, der Tanz die Hauptrolle spielt.

Flanell No. 5 heißt der Film, und so nennen sich auch die Tänzerinnen, Karin Köster, Dagmar Reinl, Anise Smith, Catharina Tiedje und Johanna Richter im Fünferpack. "Wir sind uns bei Projekten immer wieder begegnet und haben gemerkt, daß wir vom Typ her gut zusammenpassen und daß auch die Chemie stimmt. Zuerst haben wir gemeinsam in einer Choreographie getanzt, und da ich ja mit Film arbeite, lag die Idee nahe", erzählt die gebürtige Münchnerin. Im Film leben die fünf Freundinnen in einer WG. Sie spielen zwar nicht genau sich selber, aber viele Situationen sind mitten aus dem Leben gegriffen und werden nicht ohne Augenzwinkern umgesetzt. Zum Beispiel die Sache mit den Auditions, den Vortanzterminen: Da werden immense Anforderungen gestellt, Improvisationen zu den absurdesten Themen verlangt, und dann besteht der Job, den die Glückliche so mühsam ergattert hat, lediglich daraus, halbnackt einer riesigen Eistüte zu entsteigen.

Im März hat das Team die Spielfilmszenen von 40 Minuten gedreht: Ende Juli kommt das Projekt auf die Bühne der Münchner Reithalle: der Film geht jeweils fließend über in vier life getanzte Choreographien à 15 Minuten. Es ist also eine Performance zu sehen, die zwischen Film und Tanz wechselt, wobei die Leinwand als Bühnenobjekt in den Tanz miteinbezogen wird. Im Anschluß an diese Vorstellungen werden Teile der Tanzszenen wiederum gefilmt. Daraus schneidet Karin Köster ihren endgültigen Abschlußfilm von insgesamt 60 Minuten Länge zusammen, - trotz der Tanzelemente mit durchgehender Handlung und Happy End.

Der Name "Flanell No.5" spielt mit der Zahl fünf, außerdem mit dem "Stoff-Wechsel" zwischen dem flüchtigen Duft "Chanel No.5", der die vergänglichen Träume symbolisiert, und dem handfesten, greifbaren Stoff, der für die Realität steht. Jede der Fünf spielt im Film eine Rolle, die ihr auch liegt, und so ist Karin diejenige, die sich um die Realisierung von Projekten bemüht. "Auch da hat das Drehbuch teilweise mitgelebt, bis der Film tatsächlich fertig war", schmunzelt sie. Bereits im Dezember '95 reichten "die Flanells" die Idee beim Kulturregerat ein und bekamen im März '96 den Bescheid, daß das Projekt mit 20 000 DM gefördert wird - nur ein Bruchteil der Summe, die letztlich in dem Projekt steckt. Hinzu kommen noch unzählige unentgeltliche Arbeitsleistungen von Leuten, die sich von dem Projekt begeistern ließen. Anfangs viel kleiner geplant, wurde es größer und von immer mehr Seiten unterstützt: von der Filmhochschule, Arri, der Bayerischen Filmförderung, dem Kuratorium junger deutscher Film und BMW. Per Zufall kam der Kontakt mit der Produktionsfirma Twin Film Entertainment zustande.

Aber nicht alle, bei denen Karin Köster die Klinken geputzt hat, ließen sich überzeugen: "Ich war bei einem Fernsehsender, und da hieß es: "Tanz, das ist toll, aber dann muß es so sein wie 'Chorus Line'. Da habe ich gesagt: "So ist das Leben aber nicht. Ich wollte schon einen Spielfilm machen, aber ich wollte eine realistische Handlung." Das wahre Leben ist oft genug filmreif.

Ihr Organisations- und Durchsetzungsvermögen mußte sich Karin Köster im Lauf ihres Filmstudiums erst antrainieren: "An Fantasie und Kreativität mangelt es mir nie, aber man muß lernen ein Projekt durchzuziehen. Wenn am Anfang drei Leuten meine Idee nicht gefallen hat, habe ich mich zurückgezogen, um sie zu überarbeiten. Inzwischen habe ich gelernt, die Leute zu finden, die die Idee auch gut finden." Immer mehr "richtigen" Leuten, die auch ihre eigene, "eher ruhige Art zu arbeiten" haben und nicht dieses wichtige Gehabe wie viele in der Filmbranche. "Ich glaube und hoffe, daß ich mit einigen, die bei "Falnell No.5" mitgemacht haben, noch weitere Projekte machen werde.

Den Schritt von der Tänzerin zur Filmregisseurin empfindet sie selbst als nicht besonders groß: "Choreographie liegt mir sehr, und ich wollte zuerst weiter in Richtung Theaterregie, aber das ist mit zu intellektuell, zu kopflastig. Beim Film geht es dagegen auch mehr um Stimmungen, um Emotionen und um die Choreographie der Bilder." Für den Herbst ist eine Tournee des Live-Projekts angedacht, der 60-Minuten-Film wird den Fernsehsendern angeboten. Vielleicht findet sich dafür ja auch ein Filmverleih. "60 Minuten sind zwar eine ungünstige Länge, aber es gibt ja Beispiele, der Mega-Erfolg von Katja von Garnier, die auf der Filmhochschule in Karin Kösters Klasse war. Sieben Jahre zog sich Karin Kösters Studium hin, weil sie es immer wieder durch Brotjobs finanzieren mußte. "Ich geb dir die linke", verabschiedet sie sich lächelnd.

Doris Krieger